Kettcar - "Ich vs. Wir" - Presstexte

"Ich vs. Wir" - Info von Ingo Neumayer

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Oft merkt man nicht, dass etwas fehlt. Dass da eine Leere ist, eine diffuse Unzufriedenheit, die man gar nicht richtig festmachen kann.
Man merkt nicht, dass etwas fehlt - bis es dann da ist.
Genauso ist es mit der neuen KETTCAR-Platte "Ich vs. Wir".

2013 kündigte die Band eine Pause an, Marcus Wiebusch machte sich an seine Soloplatte. Wie lange KETTCAR auf Eis gelegt würden? Vielleicht sogar für immer? Das war damals nicht klar, und es gab nicht wenige, die das leise Ende einer großen Band gekommen sahen.

Doch fünf Jahre später sind KETTCAR wieder da. Und zwar so richtig! Kein Herantasten, kein sachtes Klopfen, kein bescheidenes Wir-würden-dann-auch-mal-wieder... Nein, KETTCAR kommen mit Pauken und Trompeten und Fäusten und Megafonen und mit elf in Songs gegossenen Ausrufezeichen. Und hauen, als ob es nichts Leichteres gäbe, ein Album raus, wie man es hierzulande lange, sehr lange, vielleicht sogar noch nie gehört hat. Ein Album, das Position bezieht in einer Zeit der Konturlosigkeit. Das sich Haltung gönnt, wo Kuscheln, Kungeln und übertriebenes Verständnis vorherrscht. Das macht, packt und angreift, wo die meisten sich doch nur wohlfühlen und arrangieren wollen.

Musiker können sich die Zeit, in der sie leben, nicht aussuchen. Nur das, worüber sie singen. Und KETTCAR formulieren so treffend und pointiert, dass man unter jeden der elf Songs einen fetten Haken machen will. Die haben so Recht! Das ist so wahr! Genau so denke, sehe und fühle ich das auch! Allerdings wird dabei dem Publikum keineswegs nach dem Mund geredet. So einfach machen sie es sich nicht, die Predigt an die Bekehrten überlassen sie lieber anderen. Stattdessen zeigt "Ich vs. Wir" die ganze verdammte Ambivalenz, die Leben in Deutschland im Jahr 2017 bedeutet.

Los geht es mit "Ankunftshalle" und zwei Protagonisten, die ihre Weltverzweiflung zu lindern suchen, indem sie an Second-Hand-Gefühlen teilhaben: Am Flughafen, wo sich die Gelandeten und die Wartenden in die Arme fallen. Eine dieser kleinen, gut beobachteten und lebendig erzählten Kettcar-Geschichten, denkt man – bis im Refrain der größere Bezug hergestellt wird. Denn für Sekundenbruchteile sind all diese Menschen "keine Meute", sondern "unsere Leute". So elegant und überraschend wird das Thema eingeführt, das diese Platte beherrscht: Es geht um die Masse und das Individuum. Gewinner und Verlierer. Stärke und Schwäche. Meine kleine und deren große Welt. Und um die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat und was man tun kann, wenn eine Meute aus "Egoschweinen" sich in Stellung bringt.

Es war all die Jahre natürlich immer klar, wo KETTCAR politisch stehen. Aber so konkret und anschaulich sind sie noch nie gewesen. "Wagenburg" etwa ist eine präzise Beobachtung der Prozesse, die sich abspielen, wenn sich der individuelle Egoismus der Menschen summiert und zu einer Gruppe aus Angst, Uninformiertheit und mangelnder Empathie wird. Auch KETTCAR wissen: Ein Mensch muss kein Egoschwein, eine Masse kein Mob sein. Aber meistens sind sie es halt leider doch. In "Mannschaftsaufstellung" hingegen nutzen KETTCAR Reporterfloskeln und Metaphern ihres Lieblingssports Fußball, um das fiese Bild einer deutschen Nationalmannschaft zu zeichnen, die genau das ist: deutsch und national. Logisch, dass die Pointe dann lautet: "Liebling, ich bin gegen Deutschland".

Was also tun? Auch das klingt auf "Ich vs. Wir" an: Wenn das nächste Mal jemand "Gutmensch" sagt, wollen KETTCAR "Den Revolver entsichern". Im Grunde ist der Schlusspunkt des Albums ein Fanal, ein Weckruf, ein Appell: Nicht zynisch werden. Nicht klein beigeben. Sich nicht vergraben in einer Welt, in der es keine einfachen Lösungen gibt. Und vor allem: Sich seine Menschlichkeit bewahren. Das wusste schon Nick Lowe vor mehr als vierzig Jahren, und es gilt heute wie damals: What's So Funny About Peace, Love And Understanding?

Doch man muss keine Angst haben, dass es sich bei "Ich vs. Wir" um eine trockene, soziologisch-politische Abhandlung handelt. Denn hier steckt unendlich viel Leben drin, die Themen werden nicht aus der Vogelperspektive, sondern immer nah am Menschen erzählt. "Sommer 89" etwa ist eine packende Kurzgeschichte über einen Fluchthelfer, kurz vor dem Ende der DDR. Der Song spielt zwar in der Vergangenheit, handelt aber im Grunde von der Gegenwart. Und zwar von dem Perspektivwechsel, den viele nicht hinkriegen: Dass jede konturlose Masse zu einer Ansammlung aus Individuen, aus Mitmenschen wird, mit müden Augen und Erschöpfung im Gesicht – wenn man nur mal etwas näher kommt. Und sich vielleicht auf die eigene Biografie besinnt, die womöglich ebenfalls eine Flucht beinhaltet mit der Hoffnung, am Ziel ein besseres Leben zu finden.

"Benzin und Kartoffelchips" hingegen erinnert vom Thema her an all die unglücklichen Seelen, die Bruce Springsteen in "Nebraska" versammelt: Ein unbedachter Moment, ein Stinkefinger vom Schicksal sorgen für 12 Monate Haft (raus nach sieben) und für den Makel der Delinquenz, den man zusammen mit den Kumpels, die dabei waren, aber nicht zugeschlagen haben, ein ganzes Leben lang mit sich schleppt. Der letzte Abend in Freiheit? In Hollywood mag das für große Bilder sorgen, bei KETTCAR spürt man hingegen die Verzweiflung, die Ratlosigkeit und den Trotz beim Versuch, einer unmöglichen Situation Herr zu werden.

Differenzieren ohne Lavieren - KETTCAR sind Moralisten ohne Keule. Und das alles im Format eines Popsongs, wo man aufgrund des engen Korsetts und des Platzmangels normalerweise fast gar nicht anders kann, als mit hölzernen Hämmern auf grobe Keile zu hauen. Wo die meisten bei der Farbwahl zum Schwarz und zum Weiß greifen und Bilder zeichnen, die man auch aus 100 Metern Entfernung problemlos erkennt. Marcus Wiebusch war hingegen schon zu ...But Alive-Zeiten der Typ, der lieber zum "Grau" griff. Und auch KETTCAR ziehen den Pinsel quer durch die Farbpalette, zeichnen mal galliggrüne ("Mannschaftsaufstellung"), mal ultramarinblaue Bilder ("Die Straßen unseres Viertels"), können es mit der dicken Farbrolle genauso wie mit der feinen Tuschefeder.

Und das gilt nicht nur für die Texte, sondern auch für die Musik. Denn die ist so variabel, offen, umwerfend und mitreißend wie noch nie in der Geschichte dieser Band. KETTCAR sind zwar weiterhin und unverkennbar sie selbst und sorgen ein ums andere Mal für diese typischen KETTCAR-Momente, in denen sich Melancholie mit Euphorie mischt, die gleichermaßen Kopf und Körper ansprechen. Aber KETTCAR sind nicht stehen geblieben und haben die vergangenen fünf Jahre seit "Zwischen den Runden" offenbar genutzt, um sich musikalisch weiterzubilden und nun endgültig zu einer Band zu werden, die im Plattenladen ins Fach für "Rock/Pop, international" einsortiert werden muss. Beispielhaft ist hier Erik Langer zu nennen, der offenbar sein Gitarrespiel auf links gedreht und sich ganz neue Facetten angeeignet hat: Mal assoziativ-flirrend wie die Großmeister des 80er-Indierocks, dann majestätisch-erhaben und mit dem feinen Gespür, wo die Grenze zwischen Kitsch und großer Geste verläuft. Hier ist alles drin: Vom hemdsärmeligen Heartland-Punk bis zu schlauen Adult-Pop-Miniaturen. Von Wave-Anleihen bis zu Philharmonie-Momenten. Ein Paradebeispiel für diese offensive, neue Virtuosität der Band ist das fantastische "Trostbrücke Süd": Nach zwei Dritteln, als man den Song fast schon am Ende wähnt, wird kurz innegehalten, um sich dann mit Wucht in ein erhabenes und erhebendes Finale zu werfen: Chorgesang, Breitwandinstrumentierung, Crescendo, Leitmotiv. Grandezza galore! Und als ob das noch nicht reicht, liefert der Song mit der Zeile "Wenn du das Radio ausmachst / wird die Scheißmusik auch nicht besser" auch noch eine der besten Allegorien gegen das Ausblenden, Aussschalten, Kopf-in-den-Sand-Stecken, die die deutsche Popgeschichte bis dato gehört hat.

Und von diesen Waschmaschinenmomenten, die einen durchschleudern und mitreißen und ein bisschen verändert – sauberer vielleicht oder auch etwas eingelaufen – wieder ausspucken, gibt es Dutzende auf dieser Platte. Es kommt ja nicht oft vor, dass Bands nach 15 Jahren und mit ihrem fünften Album ihren künstlerischen Zenith erreichen. Aber KETTCAR haben genau das geschafft. "Ich vs. Wir" ist wahrhaftig, inspirierend und ungemein schlau, vergisst aber gleichzeitig nie, dass zu jedem treffenden Text die passende musikalische Begleitung gehört. Intellekt und Emotion - am Ende haben einen KETTCAR voll erwischt. Genau so funktioniert große Kunst: Sie kanalisiert die diffusen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte des Publikums, das diese selbst nicht äußern kann.

Jede Zeit bekommt die Kunst, die sie verdient – das gilt im Schlechten wie im Guten. Wobei KETTCAR natürlich die Guten, wenn nicht gar die Besten sind. Denn selten war eine Platte so nötig wie diese, und es ist wirklich verblüffend, wie ein Album gleichzeitig so aktuell sein kann, auf der anderen Seite aber über das Hier und Heute hinausweist und das große Ganze ins Visier nimmt. Die Liste der wirklich wichtigen, wirklich bedeutenden deutschen Platten, die für eine Zeit und gleichzeitig über der Zeit stehen und über Jahre hinaus Relevanz besitzen, ist bekanntlich ziemlich kurz. Mit "Ich vs. Wir" wird sie ein bisschen länger.

Ingo Neumayer

"Ich vs. Wir" - Info von Linus Volkmann

Kettcar
Die Information

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Nein, es war nie aus mit Kettcar. Klingt beruhigend, nicht wahr? Ändert aber auch nichts an der Tatsache, dass die Band für Jahre keinen Puls mehr spürte, im Straßengraben lag, ready to die oder keine Ahnung. Irgendwo aus dem eigenen Tourbus gefallen im riesigen Niemandsland zwischen Saarbrücken und Rostock, keine Tanke, nicht mal ein Autohof in der Nähe. Jetzt das neue Album „Ich vs. Wir“, hochpolitisch, präzise, Energie, fegt alles weg. JAOK, was zur Hölle ist denn hier passiert?


Die letzte Kettcar-Platte stammt von 2012, danach hatten die Hamburger Actionfiguren keine Luft mehr. Sänger Marcus Wiebusch schwenkt ein auf seine Solo-Platte, die Band bleibt bestehen, doch es herrscht Erschöpfung und erheblicher Zweifel daran, ob man die Stille gegenüber den anderen und in dem großen gemeinsamen Projekt je wieder wird brechen können - und wollen.

Viele langlebige Bands
, die die Autobahnen und Venues verstopfen, haben sich selbst längst zu abgehalfterten GbRs ihrer selbst runtergerechnet. Meist ohne sich das einzugestehen, dann klappt’s besser. Für eine Band wie Kettcar war das keine Option.

Letztes Jahr tat sich dann aus dem Nichts etwas auf. Auf dem Papier vielleicht gar nicht mal spektakulär: Bassist Reimer Bustorff und Marcus übernahmen einen Job am Theater in Kiel. Es galt, „Die Räuber“ von Schiller irgendwie in eine Art Rockoper zu überführen. Warum nicht? Die neue War-On-Drugs-Platte klingt streng genommen doch auch wie eine Rockoper, aber was noch viel wichtiger ist, über diese Arbeit an der Förde fanden sich beide Songschreiber wieder, ihre gemeinsame Sache fing erneut Feuer. Man konnte sich beim Brennen zusehen und genoss es. Jetzt wieder raus, jetzt wieder alles!

Doch wenn man das tun wollte, das war allen bewusst, konnte es nicht um’s schnöde Weitermachen gehen. Zurück am Arbeitsplatz in Rock, oder was? Nein, man brauchte eine Platte, die all das ausmacht, was diese Band sein kann, man brauchte Songs, die all das nageln, was der Zeitgeist zwischen der „Menschen, Leben, Tanz, Welt“-Soße und Selbstvergewisserungs-HipHop so verlässlich ausspart.

"Ich vs. Wir" ist tatsächlich dieses Fanal geworden, da lege ich mich fest. Kettcar-Songs besitzen ja allein durch Marcus‘ Stimme etwas sehr Kenntliches, fast Mantra-haftes. Wenn auch die Musik darauf einsteigt, ist man schnell in einem Fluss, die Gitarren rauschen, die Worte auch. Doch auf „Ich vs. Wir“ hat alles Rauschen Pause. Unzählige Ideen, Varianten, Brüche, Zuckerstücke treiben die Songs, halten in Atem. Soviel Präsenz war selten in Pop. Was auch daran liegt, dass das Songwriting aufgefächert wurde wie in ganz frühen Anfangstagen. Reimer steuerte wieder viel bei und auch Gitarrist Erik Langer erdachte diverse Parts - die neuerweckte kollektive Kreativität der ganzen Band befeuert dann auch Marcus spürbar. Hier jedenfalls finden sich einige der besten und intensivsten Texte, die man von ihm je gehört hat.

Ihr seid immer nur dagegen, macht doch mal bessere Vorschläge. „Ich vs. Wir“ gelingt es, gefühlte Hilflosigkeiten zu überwinden. „Irgendjemand sagt Gutmensch – und du entsicherst den Revolver“ ist etwas, das hängenbleibt. In dem zugehörigen Stück wird dabei nicht nur geballert, sondern Kettcar haben sich der Aufgabe gestellt, auch einen Song „für“ etwas zu schreiben in dieser sonst so schlagkräftigen Selbstverteidigungs-Revue. Das Album am pointiertesten bringen aber vielleicht folgende Zeilen auf den Punkt: „Keine einfachen Lösungen zu haben, ist keine Schwäche!“

Das ganze Maulaufreißen überall darf einen nicht sprachlos machen. Im Gegenteil. Davon handelt vieles auf dieser Platte. Wobei alles auf das sehr zentrale Stück „Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ zuläuft. Es zeigt Parallelen auf zwischen dem Ende der DDR und aktueller Grenzrealität. Denn wie viel Kraft das Überwinden von Zäunen besitzt, ist einem mitunter kaum noch präsent, wenn man nachts nie mehr über die Mauer vom Schwimmbad klettert und Weltgeschehen nur noch über Bildschirme wahrnimmt. Dieses Stück holt einen mit Macht zurück, ein Song wie ein Bolzenschneider. Und es bleibt die brennende Erkenntnis, dass Humanismus nicht verhandelbar ist.

Das hier ist nicht einfach irgendwas. Das ist Kettcar 2017.

Text: Linus Volkmann